Review ‘Transmetropolitan’

Okay – wir haben noch keinen Review zu ‚Transmetropolitan’, dem Comic vom Autoren Warren Ellis und dem Zeichner Darick Robertson über den rabiaten Journalisten Spider Jerusalem und seine Mühen im Dienste der Wahrheit in einer vor Diversität nur so sprudelnden Zukunftsgesellschaft.

Ein nicht länger zu duldender Zustand, denn eigentlich ist dieser Comic schon Bestandteil der basics in der Szene, und viele von euch kennen ihn sicher (oder eure Neugierde wurde noch nicht von der richtigen Rezension geweckt!) – für die, die noch nie davon gehört haben: Spannt Ohren und Augen auf, denn das hier ist Geschichte, Kunst, Kultur, Szene!

(Hier geht’s direkt kostenlos zur ersten Folge (englisch)!)

Spider & Maker

Der Hauptcharakter ist Spider Jerusalem, und er ist der bereits erwähnte Journalist – eine geschickt gewählte Perspektive, wenn man ein Autor ist und verdammt viel zu erzählen hat! Denn somit befindet sich der Leser am Knotenpunkt des Informationsflusses einer fiktiven Gesellschaft, die Stilblüten in einer gewaltigen Zahl und Geschwindigkeit austreibt: Stellt euch eine schnelllebige Gesellschaft vor, in der einige Sachen, die heute technologisch bereits machbar sind, plus ein paar Sachen, die es noch nicht sind, schon eine ganze Weile in Massenproduktion sind und den Gesetzen des Kapitalismus’ nach auf dem freien und schwarzen Markt verkauft werden – und in dieser Gesellschaft gehen die Leute mit der Zeit in unterschiedlichen Geschwindigkeiten mit, und von den unzählig vielen Möglichkeiten an Trends, Ideologien, Geisteshaltungen und Glaubensrichtungen wählen sie sich ihre soziale Nische, haben ihre Probleme mit Armut, Zivilisationskrankheiten, Arbeitslosigkeit, Selbstfindung, Wahrung ihrer Integrität… Probleme, die von den anderen in der Gesellschaft kaum noch einer versteht, weil sie sich so fremd geworden sind.

Fred Christ

Und schon haben wir den breiten Fächer an Skurrilitäten aufgespannt, mit dem uns Warren und Darick direkt den Smog aus ‚The City’ zuwedeln, dem Schauplatz der Geschichte! Den Smog und Gestank, wegen dem Spider Jerusalem seiner Kolumne, zu der ihn Umstände und Geldnöte zwingen, den Titel ‚I hate it here’ gibt.

In gerissener, rücksichtsloser und häufig brutaler Weise geht er dabei bei seiner Recherche vor und scheut sich nicht, richtig tief im Schlamm nach den Wahrheiten zu wühlen und diese anzuprangern, die das Regime und die gleichgültige Öffentlichkeit ausblenden wollen. Ob es sich um die Right Love-Bewegung handelt (eine Bewegung, die sexuellen Verkehr mit Kindern legalisieren will), die Official Serbian Church of Tesla, die Transient Movement (siehe Bild 2), Obdachlosigkeit, Foglets (Menschen, die ihr Bewusstsein in Wolken aus Nanorobotern übertragen), die aus Tiefkühleis wieder belebten Gehirne von gestorbenen Menschen aus der Vergangenheit, die Verbrechen der Polizei oder die Lügen der Regierung – wir begleiten Spider in der Perspektive eines Außenseiters, der nicht alle Lebenseinstellungen teilt, aber trotzdem die Rechte zur persönlichen freien Entfaltung aller Menschen und Nicht-Mehr-Menschen akzeptiert und sich aus ideologischer Überzeugung für sie einsetzt, wenn strukturelle oder körperliche Gewalt ausgeübt wird – was in ‚The City’ an der Tagesordnung ist, denn die Regierung, welche in erster Linie durch den Präsidenten personifiziert wird, hat längst den Überblick über den Wildwuchs an Formen des Zusammenlebens in der Gesellschaft verloren, interessiert sich nicht für sie oder bekämpft diese zum Teil sogar aktiv, um weiterhin die Kontrolle sicher zu stellen.

Als es auf die Neuwahlen um das Amt des Präsidenten zugeht, erklärt Spider dem korrupten, menschenverachtenden und rücksichtslosen Präsidenten ‚The Beast’, der seinen Apparat aus konstitutioneller Macht, Befugnissen, Verbindungen, Funktionären, Polizeigewalt und geheim operierenden Sondereinsatzkräften innerhalb und außerhalb der Gesetze zu seinem Vorteil missbraucht, den Krieg. Gegen Staatsgewalt und Machtmissbrauch zieht er mit den Waffen des investigativen Journalismus’, medialer Aufklärungs- und Diffamierungskampagnen sowie seinem ‚bowel disruptor’ ins Feld – mit einem Ausgang, den er sich so nicht vorgestellt hat, und der seine Arbeit noch notwendiger macht als zuvor!

Zivilisten

Wer Bilder voller Atmosphäre, Detailreichtum und Ideenvielfalt mag, auf denen sich eine Geschichte abspielt voller Posthumanismus, Pluralismus und Technophilie, beschleunigt durch Politik, Paranoia und Verschwörungen, erweitert durch Konflikte, Freundschaft und Mitgefühl, gewürzt mit derben Kraftausdrücken, Flüchen und Beschimpfungen (die bemerkenswerterweise trotz ihrer Heftigkeit keine der üblichen Minderheiten (Behinderte, Prostituierte, Homosexuelle) diskriminiert!) und den Leser mit einem Gefühl von Aktionismus und geschärften Sinnen für reale Probleme entlässt, hat mit ‚Transmetropolitan’ ein Meisterwerk des Cyberpunk vor sich, das auch nach wiederholtem Lesen noch übersehene Details und entgangene Witze verspricht.

Ich hoffe, ich konnte die Neugierde des ein oder anderen zu dieser Feier von Presse- und Meinungsfreiheit wecken – oder die Kenner noch mal zur Lektüre animieren.

Zuweilen hab ich in existierenden Rezensionen eine besondere Betonung der Gewalt gelesen:

Ja, Gewaltszenen gibt es in ‚Transmetropolitan’ zuhauf. Von ihrer Heftigkeit würde ich sie aber im Bereich dessen einordnen, was im Kino ab 16 Jahren gezeigt wird – sie ist mehr Teil von Kämpfen und Schießereien und nicht gezielt sadistischer Natur in Form von Folter o.Ä. Wer beispielsweise ‚Preacher’ kennt: Transmet ist harmloser.

Für die, die vor der Originalversion auf Englisch nicht zurückschrecken, gibt es auf der offiziellen Seite des Imprints Vertigo sofort den ersten Band zum kostenlosen Download als pdf-Datei.

Für die anderen gibt es die gute Nachricht, dass zumindest irgendwann mal eine deutsche Übersetzung verlegt worden ist.

In diesem Sinne:

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Zyl

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Zyl

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11 Responses to “Review ‘Transmetropolitan’”

  1. Wenn ich einen Comic mit auf den Mars nehmen müsste… Spider wär’s! Spitzen Review, share ich gleich; hab’ nix hinzuzufügen! Einfach geil geschrieben, Zyl!

  2. Fällt bei mir auf fruchtbaren Boden, davon hab ich wirklich noch nichts gehört! Scheint auch endlich nicht schon wieder was superheldenartiges zu sein. Sehr tolles Review!

    Als Detail würde ich den Downloadlink ganz am Anfang des Textes nochmal wiederholen. Einige werden den Text nur anreissen oder überfliegen, und so den Link verpassen. So würde die Chance bestehen, dass sie es sich unabhängig vom Review wenigstens runterladen, und dann evtl. zu deinem Text zurückkehren.

    In WordPress vorher den zu lesenden Text schreiben und markieren, der Link-Befehl ist dann der Button mit der Kette.

  3. Chris, erstmal schicken die nur die Namen auf den Mars, von freiwillig zur Kolonialisierung melden stand da nix… ;)

    Ganta, das ist, mit Verlaub eine Bildungslücke. Unbedingt reinlesen Ein super Held ist er allerdings schon.

  4. Hab auch gleich mal auf ebay bestellt. Wehe mir will das jetzt einer klauen!

  5. Freut mich, dass es euch gefällt :)

    Thx für den Tipp, Ganta, hab ich direkt mal gemacht.

  6. Juhu, hab ich eben für EUR 7,75 ersteigert:
    http://img140.imageshack.us/img140/3816/transmetropolitan.png

  7. guter Preis

  8. die deutschen sind verdammt schwer zu finden, anscheinend gibt es nicht mal mehr den ersten Band mit den Comics 1-3 :/

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